Interview: „Ich habe mir immer gesagt: Jetzt erst recht“

Rollstuhllahrer haben oft karrieretechnisch ein Handicap. Michael Sicher hat allen Widrigkeiten getrotzt.

von ANDREA KRIEGER

Aufgrund einer Krankheit im Kleinkindalter sitzt der 34-jährige Wiener Michael Sicher im Rollstuhl. Mir dem KURIER sprach er über seine Karriere auf den etwas anderen vier Rädern.

KURIER: Wenn man bei Ihnen ein Life Coaching in Wien macht, kommen einem da die eigenen Problems nicht banal vor?
Michael Sicher: Sie sprechen mein Handicap an? Mag sein, dass mein Rollstuhl manches relativiert. Der eine oder die andere denkt sich vielleicht, dass ich es schwerer hatte, und trotzdem meinen Weg gemacht habe. Aber mein Rollstuhl ist im Gespräch schnell vergessen und dann tritt meine Person in den Vordergrund.

Sie haben „Success trotz Handicap“ gegründet, ein Forum auf der Networking-Plattform www.xing.com. Wie macht man denn Karriere trotz Handicap?
Ich habe mir immer gedacht: Jetzt erst recht. Wichtig schelnt mir, das zu tun, was wirklich Spaß macht und alle neuen Möglichkeiten zu nutzen. Man kann bloggen und sich vom Schreibtisch aus vernetzen. Das Wichtigste ist, zu kommunizieren, was man tut, damit sich Türen öffnen.

Per Gesetz müssen Unternehmen pro 25 Mitarbeiter einen Behinderten einstellen. Drei Viertel der Betriebe erfüllt diese Auflage nicht bzw. nicht ganz und zahlt Pönale. Woran hapert es Ihrer Meinung nach?
Es gibt da eine gewisse Scheu. Die meisten haben schließlich keine Erfahrungen mit Menschen mit Handicap. Dadurch braucht es eine Zeit, bis der Rollstuhl zur Nebensache wird und der Mensch im Mittelpunkt steht. Hat ein Manager oder Personalchef im Bekanntenkreis einen Rollstuhlfahrer, schaut die Sache schon ganz anders aus. Es geht letztlich nur um die Chance, dass Behinderte zeigen können, dass sie gute Leistungen bringen.

Viele Betriebe kritisieren den erweiterten Kündigungsschutz. Tatsächlich dürfen Behinderte nach sechs Monaten nur mit Zustimmung des Behindertenbeirates gekündigt werden.
Ich persönlich finde, sechs Monate sind genügend Zeit, um herauszufinden, ob ein Mitarbeiter gute Arbeit leistet oder nicht.

Wie war denn Ihr Berufseinstieg?
Ich habe mir schon als Student einen Nebenjob gesucht. Die Firma war halb Verein, halb Unternehmen. Mit der Zeit habe ich immer mehr unternehmerisch gearbeilet und konnte zeigen, was ich drauf habe. Aber es gab auch Bewerbungen, bei denen ich im Assessment-Center der Beste war und es dann geheißen hat: „Wir haben leider trotzdem nichts für Sie.“

Dann wurden Sie IT-Chef bei lion.cc, der Internet-Schiene von Libro, hatten 30 Mitarbeiter. Libro war da anscheinend aufgeschlossener?
Ein Bekannter kannle einen leitenden Mitarbeiter bei lion.cc. Der hat meine Kompetenz für diese Herausforderung erkannt und überzeugte die anderen letztlich davon, mehr zu sehen als den Kündigungsschutz. Damals habe ich auch mein Interesse für Coaching< entdeckt.

Seit 2005 haben Sie mit BUSYPEOPLECOACHING Ihr eigenes Coaching-Institut. Mit welchen Problemen kommen die Klienten zu Ihnen?
Die Palette reicht von Klienten, die mitarbeiterbezogene Themen haben über Menschen, die sehr persönliche Dinge beschäftigen. Mein Schwerpunkt liegt im Life Coaching bei schwierigen Entscheidungsprozessen. Da ich Wirtschaftsinformatik studiert habe, kommen auch viele IT-Führungskräfte zu mir.

Wissen die Klienten, was sie beim Coaching erwartet?
Nicht immer, ich höre manchmal: „Ich habe geglaubt. Sie sagen mir. was ich tun soll.“ Die Kunst des Coachings besteht aber darin, die Kreativität des Klienten anzusprechen. Er oder sie soll selbst Lösungen entwickeln. Das hat dann eine ganz andere Qualität und Intensität.

Erfolgreich trotz Handicap

Michael Sicher hatte als IT Chef von lion.cc 30 Mitarbeiter, bevor er sich als Life Coach in Wien selbstständig machte.

Der Coach

„Es geht nicht darum, Probleme zu zerreden, sondern sich auf Lösungen zu konzentrieren“, sagt Michael Sicher über seine Arbeit als Life Coach in Wien. Die Methode der Aufstellung ermögliche, Konflikte nicht nur aus Klientensicht, sondern auch aus der Perspektive der Mitarbeiter zu sehen.

Begleitung

Im Schnitt müssen Klienten mit „fünf bis zehn Sitzungen“ rechnen, so Sicher. Mancher brauche aber mehr Zeit für die Problemlösung.